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Der Schwarze Adler, Leipziger Straße 126

Ansichtskarte, Geschichtskreis Bettenhausen früher und heute

Das prächtige Fachwerkhaus an der Leipziger Straße 44 1/2 (später 126) wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Wohnhaus mit der Gaststätte "Schwarzer Adler" im Erdgeschoss errichtet. Eigentümer war Conrad Lambrecht Großgrundbesitzer, der im Nachbarhaus Leipziger Straße 36 1/2 (später 136) eine Likörfabrik und einen Weinbrandgroßhandel betrieb. Die Fuhrwerke auf dem Weg aus der Stadt Kassel ins Kaufunger Umland machten beim Restaurant „zum schwarzen Adler“ regelmäßig Station. Die obere Ansichtskarte mit Grüßen ist 1912 gelaufen da war Paul Naeter Gastwirt und Inhaber des Hauses. Seine Vorgänger als Wirte hießen Osterberg und Sinning. Inzwischen hielten nicht nur die Gespanne vor der Tür, sondern auch die elektrische Straßenbahn an der Haltestelle Kirchgasse.
Zu den Gästen zählten sonntags auch Männer nach dem Besuch des Gottesdienstes in der Marienkirche schräg gegenüber. Zu Zeiten von Wirt Osterberg wurde Bettenhausen nach Kassel eingemeindet und das Grundstück bekam die Hausnummer 126.

Mit der Straßenbahn nach Bettenhausen

Strassenbahn Endhaltestelle Kirchgasse, 1900
Leipziger Straße, Straßenbahn Endstation Kirchgasse um 1900 (Archiv: Geschichtskreis Bettenhausen)

Auf der Ansichtskarte aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts sieht man eine Alte Kasseler Straßenbahn an der Endstation gegenüber dem Schwarzen Adler. Der Text der Karte lautet:

Wir sind Bettenhäuser und wohnen an der Losse Strand, der Widdekind ist unser Ausflugsort.
Prosit lieber Schwager den besten Gruß sendet Wilhelm G.

Mit dem genannten Ausflugsort war die Gaststätte "Zur Krone" in der Leipziger Str. 163, Besitzer und Gastwirt damals Georg Wieddekind, gemeint.

Ausschnit  AK 1905-web.jpgAm 21. Mai 1884 wurde der Verkehr mit der Pferdebahn zwischen Cassel Hedwigstraße und dem Staatsbahnhof Bettenhausen in der Leipziger Straße aufgenommen. Die "Große Casseler Straßenbahnaktiengesellschaft" leitete 1900 die Umstellung vom Dampf- und Pferdebahnbetrieb auf elektrischen Betrieb ein. Der Betriebsbahnhof Bettenhausen konnte 1898 an der Leipziger Straße 124 neben dem Restaurant zum Schwarzen Adler fertiggestellt werden. Die eingleisige Strecke nach Bettenhausen wurde vom Bahnhof bis zum Schwarzer Adler erweitert, Endhaltestelle Kirchgasse. Auf dem Ausschnitt einer anderen kolorierten Grußkarte aus Bettenhausen von 1905 werden diese Straßenbahn Endstation, der Schwarze Adler und auf der Leipziger Straße flanierende Paare dargestellt.

800 Jahrfeier 1927

Leipziger Straße 126, 1927
Die Leipziger Straße  Höhe der Hausnummer 126, aufgenommen zur 800 Jahrfeier 1927 (Archiv: Geschichtskreis Bettenhausen)

Bettenhausen feierte vom 6. - 8. August 1927 sein 800jähriges Bestehen. Der Festzug nahm am 9. August seine Aufstellung in der Sandershäuser Straße und bewegte sich über die Leipziger Straße zum Unterneustädter Kirchplatz, dann zurück über die Leipziger Straße bis zum Endpunkt der Straßenbahn (heutiger Leipziger Platz) und über Pfarr- und Dorfstraße zum Festplatz an der Sandershäuser Straße. Alle Häuser entlang der Festzugroute waren mit Girlanden und Fahnen geschmückt, so auch der ehemalige Schwarze Adler, in dem nun die Firma Sigurd ihren Sitz hatte. Die hübsche Fachwerkfassade war zwischenzeitlich, wie in der Epoche üblich, unter grauem Putz verschwunden.

Firma Sigurd

Das Eigentum an dem Haus und Grund Leipziger Straße 126 war 1928 an die Sigurd GmbH übergegangen. Die Firma Sigurd wurde bereits 1919 als Versandhaus vom Kaufmann Kurt Maybaum gegründet. Sie vertrieb Fahrräder, Fahrradzubehör und -ersatzteile sowie Haushalts- und Gebrauchsgegenstände. Zum Zeitpunkt 1939 war Otto Wilhelm Erdmann Geschäftsführer der Sigurd KG.

Sigurd_1939web.jpg
Das Betriebsgelände des Firma Sigurd Grafik auf einem Firmenkatalog von 1939

Die Luftangriffe auf das Industriegebiet von Kassel-Bettenhausen erfolgte am Sonntag den 1.10.1943, abends zwischen 22 und 23 Uhr und am Abend des 22.10.1943. Dabei wurden Teile des Betriebsgeländes der Firma Sigurd u. a. auch das Haus Leipziger Straße 134 von mehreren Brandbomben getroffen und in den oberen Geschossen zerstört. Die Post musste in die Schule an der Eichwaldstraße umziehen. Die Fa. Sigurd  unterhielt weiter einen Verkaufsladen für Fahrräder und Haushaltswaren in dem nur in Teilen wieder nutzbar gemachten Gebäude.

Bettenhausen Leipziger Straße Blick über die Firma Sigurd auf die Enka-Glanzstoff
Leipziger Straße 134-126 von links nach rechts (Archiv: Geschichtskreis Bettenhausen)

Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte die Firma in verkleinerter Form bis Mitte der 1970er Jahre. In die Verkaufsräume von Sigurd zog danach ein Lebensmittelgeschäft ein. Das Verwaltungsgebäude im Haus 126 war ab der Mitte der 1960 Jahre Sitz mehrere Firmen wie General Elektric Hauswaren und Gerstung & Co. Elektro-Großhandel. Zum Ende bewohnten mehrere spanische Gastarbeiter das in die Jahre gekommene Haus.

Abriss und Einkaufzentrum

1976 entstand auf dem Gelände der ehemaligen Firma Sigurd ein Einkaufzentrum mit einem großen Parkplatz. Die Fabrikationshallen, das Ladengeschäft und das ehemaligen Verwaltungsgebäude, das seinen Sitz in dem einstigen Schwarzen Adler in der Leipziger Straße 126 gefunden hatte, wurden abgerissen. Ein geschichtsträchtiges markantes Fachwerkgebäude der Gemeinde Bettenhausen verschwand für immer aus dem Straßenbild.

Leipziger Str.126-138.web.jpg
Panorama Leipziger Straße 138 bis 126 nach der Fertigstellung des Einkaufzentrums (Fotomontage B. Schaeffer 1999)

Editor: Erhard Schaeffer, Dezember 2017

Quellen:

  • Adressbücher der Stadt Kassel und der Gemeinde Bettenhausen
  • Ansichtskarten Sammlung, Klaus-Peter Wieddekind

 

 

 

 

 

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