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Wim de Vries - ein Zwangsarbeiter bei Fieseler erinnert sich

Wim de Vries

Als Wim de Vries nach siebenunddreissig Jahren nach Kassel, dem Ort seiner Kriegserlebnisse zurückkam, entstanden die Gedichte, die im Anhang vollständig wiedergegeben werden, einerseits eine Abrechnung mit dem nationalsozialistischen Terror, andererseits das grosse Zeugnis einer von Vergebung durchdrungenen „Vox humana" mit ihrem Blick nach vorn in eine menschlichere Zukunft, so Prof. Dietrich Krause-Vilmar, mit dem diese Veröffentlichung auch abgesprochen ist.

"Wer angesichts erfahrener Unterdrückung und erlebten Grauens in späteren Lebensjahren Verse schreiben kann, um sich selbst über das Geschehen klar zu werden und mit anderen darüber in das Gespräch zu kommen, der tut sehr viel.

An einem Gedicht zu diesem Thema schreiben bedeutet, die nicht nachlassenden, im Alter eher sich verstärken­den schmerzhaften Erinnerungen zu bearbeiten, mit dem eignen Zorn und dem Hass, den aufsteigenden Ra­chewünschen, der Trauer und dem erlittenen Verlust in einer Art und Weise umzugehen, die nicht zu neuen Waffengängen führt.

Das Gedicht ist friedlich. Es lebt von der Hoffnung auf Zukunft. Es lässt Empfindungen und Gedanken zu.

Und doch vergisst es nichts.

Den Hunger, die Demütigung, den Tod des Freundes, die Gehässigkeit und Machtbesessenheit des Lagerführers so wenig wie die Spuren dieser Zeit, die sich in die Ausge­beuteten und Gedemütigten fast unauslöschlich einge­brannt haben.

Die vorliegenden Gedichte, indem sie Persönliches mit­teilen, — also ein Geschenk sind — eröffnen auch ande­re Wege, über eigne Erfahrungen nachzudenken und zu sprechen. So kann über authentische Bilder eigner Er­fahrungen gegenseitiges Verständnis angebahnt werden" so Krause-Vilmar in seinem Vorwort zu den Gedichten von Wim de Vries. 

Lesen Sie hier zwei seiner Gedichte, das Eingangsgedicht und eines über Gerhard Fieselers Tod, sie finden den Rest dieser ergreifendenden Gedichte im Anhang, in einem zweiten Anhang die Gedichte in seiner niederländischen Muttersprache!

 

Als ich nach siebenunddreissig Jahren
endlich wieder nach Kassel kam
und dort erzählte,
was man uns als Zwangsarbeiter
angetan hatte, glaubte man
mir nicht, und man hielt mich
regelrecht für einen Lügner.
Und während ich den Hass
für verjährt hielt, entlud sich in mir wieder der Sturm.
Hätte ich jetzt ein MG, ich liefe
damit drohend durch die Strassen und schrie:
„Hier, verdammtnochmal, und da, und dort,
wer mir über den Weg läuft, den knall' ich ab."
Als ich aber von der Wilhelmshöhe herab
die ganze Stadt übersehen konnte,
da fing sie zu brennen an.
Ein Flammenmeer
und überall der tobsüchtige Tod.
Ich schmiss die Waffe weg und schämte mich.
Zehntausend Tote damals.
Da darf keiner mehr, nein, niemals, keiner mehr
hinzukommen.

ZUM TODE VON GERHARD FIESELER
Sein Tod hat mich soweit
erschüttert, dass ich nun frage,
weshalb er noch mehr als
vierzig Jahre lebte, während viele
seiner Zwangsarbeiter so viel
gelitten haben und schon so jung
gestorben sind.
Das ist ein Problem. Wieder eines mehr
in meinem Leben.
Wieder ein Problem, das ich
nicht lösen kann.
Fieseler ist tot, und sein Geheimnis
ging mit ihm.
Oder ist es vielleicht doch anders.
Gibt es ein Leben nach dem Tod.
Ist er dann vielleicht der neue Zwangsarbeiter?
Und bin ich dann vielleicht sein Chef?
Dazu kommt ein neues Problem, nämlich,
mache ich es dann besser,
bin ich dann besser als er?

 

Wim de Vries

Wim de Vries Gedichtband erschien 1990 im Verlag Robbemond in 's-Gravendeel. Er schrieb seine Gedichte auf niederländisch, ins Deutsche übertragen wurden sie von Heinz Schneeweiss. Die Veröffentlichung bei "Erinnerungen-im-Netz" geschieht in Absprache mit Prof. Krause-Vilmar, Kassel.  Er meinte, eine solche Veröffentlichung wäre sicher im Sinne von Wim de Vries, der inzwischen verstorben ist. Sie können sich alle Gedichte sowohl in deutscher als auch in niederländischer Sprache herunterladen.

 

Redaktion: Falk Urlen

 

 

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wim de vries niederländisch
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