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Der alte jüdische Friedhof in Bettenhausen

Kapelle des Friedhofs, Foto: K-P Wieddekind, 1995

Auf dem Westsporn des Eichbergs zwischen Bettenhausen und dem Eichwald befindet sich seit dem 30jährigen Krieg (1618-1648) der jüdische Friedhof von Kassel, Bettenhausen und anderen umliegenden Gemeinden. Die Beschreibung der Anlage und die Gestaltung der Gräber nach mosaischen Grundsätzen vermittelt einen Einblick in die jahrtausendalte Kultur unserer jüdischen Mitbürger.
Die schmalen Pfade der alten Friedhofsteile mit ihren Bäumen stellen eine parkähnliche Landschaft dar. Das Stimmungsbild eines „wildromantischen“ Teils des Friedhofs erinnert an antike griechische Ruinenstädte. Wilder immergrüner Efeu ziert die Grabsteine. Weil es nicht jüdischem Brauch entspricht, lässt man Efeu und Bodendecker auf den Gräbern wachsen und legt keine Blumen nieder. Blumen passen besser zu Freude, aber nicht zu Trauer. Stattdessen legen die Besucher kleine Steinchen auf die Gräber. Der Stein ist ewig und bewahrt auf Dauer das Gedenken.

Gräber auf dem Judenfriedhof

Der alte Teil des jüdischen Friedhofs
Foto: K-P Wieddekind, 1995

Der alte jüdische Friedhof wird von einer hohen Mauer umgeben, die nur einen Blick auf die überragenden Baumkronen zulässt. Dahinter verborgen liegt ein stilles Zeugnis von fast vier Jahrhunderten, das einen Einblick in die jüdische Geschichte bewahrte. Der alte Friedhof in Bettenhausen wurde in die Zeit des 30-jährigen Krieges (1618 – 1648) angelegt. Bis zum Untergang der jüdischen Gemeinde, während der Nazidiktatur, waren die Gräber von 1650 bis 1850 fast vollständig erhalten. Viele davon tragen die Namen jüdischer Familien aus Kassel über beinahe sieben Generationen hinweg: Aschrott, Goldschmidt, Rinald, Wallach, Hallo, Hoffa, Gottschalk, Rosenzweig. Der alte Friedhof ist noch heute im Wesentlichen erhalten. Private Gräber sind ebenfalls vorhanden. Zeitläufe, Wind und Wetter haben hier gewirkt. Obwohl einige Sandsteine verwittert sind, haben andere die Zeit bemerkenswert gut überstanden. Besonders die Gräber von Dr. Lucius Liffmann (1772 – 1803), dem ersten praktischen jüdischen Arzt in Kassel sowie von Dr. Jakob Pinhas, dem Herausgeber der „Casselschen Allgemeine Zeitung“. Der alte jüdische Friedhof steht unter Denkmalschutz, jedoch werden nur zwei Ehrengräber (die von Sarah Nußbaum und Meier Bär Mond) in Sinne der Denkmalpflege gepflegt.

Grab der Sara Nussbaum

Ehrengrab der Sara Nussbaum
Foto: K-P Wieddekind, 1995

Nach Angabe von Regierungspräsident Dr. Lübcke sind in Nordhessen 101 jüdische Friedhöfe erhalten. Viele davon gelten als Kulturdenkmäler, deren Pflege den Kommunen obliegt. Im Jahre 2010 standen 369.500 € für diese Zwecke zur Verfügung.
Die gesamte Friedhofsanlage in Bettenhausen (mit ca. 3000 Grabstätten) beträgt 20091 m2. Auf dem ältesten Teil der Anlage sind keine Grabsteine zu finden.
Aus der Belegzeit von 1647 bis 1850 sind 644 Grabsteine dokumentiert. Bis um 1800 gab es auf dem Friedhof nur liegende Grabmale. Bis heute ist es ungeklärt, wie die nur bei spanisch- orientalischen, sephardischen Juden übliche Sitte in Hessen sich verbreitete und sogar als Kasseler Eigenart galt. Die Grabsteine tragen hebräische Schriftzeichen. Erst nach 1800 gab es auch aufrecht stehende Grabsteine, die beidseitig sowohl in Hebräisch als auch Deutsch beschriftet wurden und neben den Lebensdaten auch über das Wirken und die Tugenden der Verstorbenen berichteten.
Es ist ein heiliger Brauch, dass die Gräber von Eheleuten nebeneinanderliegen. Alleinstehende Verstorbene wurden in einer besonderen Abteilung begraben. Da es nach der Religionslehre verboten ist, ein frisches Grab an der Stelle eines Alten zu errichten, nimmt der jüdische Friedhof eine große Fläche in Anspruch.
Der neuere Teil des alten Friedhofs wurde 1841 von Jeremias Rothfels (Rotschild) der Gemeinde geschenkt. Hier glänzen Grabsteine mit schwarzem Marmor, auf denen man nur selten hebräische Inschriften findet. Auf diesem Teil befindet sich ein Ehrenmal für Kasseler Juden, die im 1. Weltkrieg gefallen sind. 1998 errichtete die Stadt Kassel auf dem älteren Teil des Friedhofs ein Gedenkstein für die in den Jahren 1933 – 1945 umgekommenen Kasseler Juden.

Ehrenmal für gefallene Juden im 1.Weltkrieg

Ehrenmal von 1920 für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Kasseler Juden.
Foto: K-P Wieddekind, 2010

Es klingt verwunderlich aber jüdische Friedhöfe werden als Ort des Lebens bezeichnet. Im Judentum ist ewiges Leben mit Gedenken eng verbunden. Man sagt, ein Mensch lebt, wenn sich jemand an ihm erinnert.

Die Geschichte der jüdischen Friedhöfe in Kassel
Es wird vermutet, dass der erste jüdische Friedhof in Kassel um 1360 in der Nähe der Vogtschen Mühle angelegt wurde. Angeblich befand sich damals eine jüdische Siedlung zwischen Ahnaberger Kloster und Fulda. Einen zweiten Friedhof gab es von 1385 bis 1587 an der Stelle des Königsplatzes, wo später ab 1888 Scholls Kaufhaus neben der Garnisonkirche stand (heute: Lederfachgeschäft Schumann). Beim Bau der Stadtbefestigung musste auch der zweite Friedhof aufgegeben werden.
Nach der Reformation verschlechterte sich die Lage der Juden in Kassel, sodass viele in andere Städten auswanderten. Innerhalb der Stadt Kassel bestand im 16. und 17. Jahrhundert keine jüdische Gemeinde mehr. Während des 30-jährigen Krieges wohnte nur noch der Hofjude Benedikt Goldschmidt in Kassel (1635). Dagegen lebte in Bettenhausen eine größere Zahl jüdischer Familien, die eine selbständige Gemeinde bildeten. Damals erwarb die Familie von Buttlar am Eichwäldchen in Bettenhausen ein Grundstück, auf dem der dritte jüdische Friedhof angelegt wurde. In der Judenliste von 1650 wird Judith die Witwe des Totengräbers in Bettenhausen genannt, also wohnte der Beamte in der Nähe seiner Wirkungsstätte. Da es im Kurhessischen üblich war, dass mehrere Gemeinden einen gemeinsamen Friedhof unterhielten, spricht vieles für die Annahme, dass auch die Juden aus Kaufungen, Heiligenrode und Waldau in Bettenhausen beigesetzt wurden.
Ein weiteres Friedhofsgrundstück wurde erst kurz vor 1933 genutzt. Die Größe des neueren Friedhofs ist 10910 m2. Der neue Teil des jüdischen Friedhofs liegt unmittelbar angrenzend an den kommunalen Friedhof am Fasanenweg. Markantes Kennzeichen des Jüdischen Friedhofs sind die in strengen Reihen gepflanzten großen Birken.
Auf diesem Friedhofsgrundstück kann der mittlere Teil nicht benutzt werden, weil dort während des Zweiten Weltkriegs russische und polnische Zwangsarbeiter ohne Grabsteine bzw. Kennzeichnung beerdigt wurden.

 

Text:Larysa Chernina

Editor: Bernd Schaeffer, 2011

 

Quellen:

  • Paul Arnsberg „Die jüdischen Gemeinden in Hessen“, Frankfurt, 1971
  • Eva Grulms, Bernd Kleibl „Jüdische Friedhöfe in Nordhessen“, Kassel 1984
  • Dr. Walter Lübke „Jüdische Friedhöfe in Nordhessen“, Rede bei Jahresempfang in der jüdischen Gemeinde Kassel, vom 28.09.2010
  • Dokumentation der jüdischen Friedhöfe in Hessen – Online www.alemannia-judaica.de
  • Ludwig Horwitz, Der israelitische Friedhof zu Kassel, Hessenland, Bd. 32, 1918, S.135 ff

 

 

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