Textbeitrag von Erhard Schaeffer
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Mit der Dampflok durch den Wilden Westen

Archiv: E. Schaeffer 1959

Erinnerungen an phantastische Abenteuerreisen mit einer echten Henschel-Lok auf dem Spielplatz in der Osterholzstraße!

In meiner Kindheit in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wohnte ich in der Eichwaldstraße 82 in Bettenhausen. Beim Blick aus dem Kinderzimmer konnte ich auf der anderen Straßenseite über die fast endlosen Felder bis hin zu den Häusern von Sandershausen am fernen Horizont schauen. Einzige Gebäude in dieser Kulturlandschaft waren auf der linken Seite eine große gemauerte Scheune in der Osterholzstraße und rechts ein alter Bauernhof in der Steinbreite.

Gespielt wurde mit Kindern der Nachbarschaft auf dem Bürgersteig vor dem Haus und da es der spärliche Autoverkehr zuließ auch auf der Straße. Dies aber nur wenn es die besorgten Eltern nicht sahen. Natürlich boten sich auch ausgezeichnete Spielflächen auf den Feldern und Feldwegen an. Insbesondere im Herbst, wenn die Stoppelfelder nach dem Mähen und Einbringen des Getreides abgeräumt waren. Einmal erlebten wir sogar eine Treibjagd auf Hasen, bei der die erlegte Strecke vor der Feldscheune zu bestaunen war, was für uns Stadtkinder ein ganz besonderes Ereignis darstellte. Mitte der Fünfziger änderte sich das leider. Die Felder wurden nicht mehr bestellt und auf dem neu geschaffenen Bauland entstanden Wohnhäuser, später dann Gewerbe- und Industrieanlagen. Unmittelbar gegenüber zogen in den Neubau Familien mit Kindern ein. Einer der neu angekommenen Jungen hatte einen Vater der Kraftfahrer war. Er stellte seinen riesigen beladenen Langholztransporter zum großen Erstaunen der Kinder häufiger vor dem Haus ab. Dieser Junge ging mit mir in die selbe Klasse der Grundschule in der Eichwaldstraße 68.

Schließlich wurde an der anderen Straßenseite ein Kindergarten gebaut und daran angrenzend ein riesiger öffentlicher Spielplatz angelegt. Der Kindergarten hatte für mich keine Bedeutung mehr, ich ging bereits in die Schule. Mein Kindergarten war der in der Pfarrstraße im Hause des evangelischen Gemeindepfarrers gewesen. Der Spielplatz mit seinen tollen Geräten und dem übergroßen Sandplatz fand dagegen mein Interesse und das meiner Spielkameraden. Die Anlage verfügte auch über eine 50 m Laufbahn und eine Weitsprunganlage, so konnte sie von den benachbarten Schulen als Sportanlage im Unterricht und für die Bundesjugendspiele genutzt werden.

Dann war da noch eine ganz besondere Attraktion über die sonst kein Spielplatz in Kassel verfügte, was uns den Neid anderer Kinder aus anderen Wohnbereichen sicher sein ließ. Es war die echte Dampflokomotive der Firma Henschel & Sohn die auf Schienen gestellt sich mitten in unserem Sandplatz befand. Ich kann mich noch an die Einweihung durch unseren damaligen Kasseler Oberbürgermeister, Dr. Lauritz Lauritzen, im Beisein von vielen geladenen Gästen, den Kindern, deren Eltern und den Pressefotografen erinnern. Es war ein großes Ereignis für uns Kinder. Auf diesem überdimensionalen Stahlross turnten wir nach Herzenslust herum  und in unserer Phantasie dampften wir durch die unendlichen Weiten des Wilden Westens.

Spielplatz_Osterholslzstr.

Auf dem Führerstand unserer Henschel-Dampflok 1959 (Foto: Erhard Schaeffer)

Zur Sicherheit waren alle beweglichen Teile im Führerstand, Klappen und Luken festgeschweißt oder angeschraubt. Sicher konnte die Pfeife nicht wirklich ertönen, der Rauch quoll nicht aus dem Schornstein und Dampf zischte auch nicht an den Pleuelstangen der großen Stahlräder heraus, aber das alles tat der Spielfreude keinen Abbruch. Der Spielplatz war ab sofort die Attraktion für alle Straßenkinder der Eichwaldstraße, der Osterholzstraße, der Pfarrstraße und auch für die entfernter liegende Heiligenröder Straße.

Für die größeren Kinder und Jugendlichen war das Spielen nicht das vordringlichste Ziel. Sie setzten Werkzeuge ein um Teile wieder gangbar zu machen oder küssten sich bei aufkommender Dämmerung mit ihrer Freundin im Führerhaus. Unter der Demontage und den teilweise erheblichen Beschädigungen litt der Zustand der Lok immer mehr. Es bestand Verletzungsgefahr an scharfen Eisenteilen und so kam, was keiner wollte, nach einigen Jahren wurde unsere schöne Lok aus Sicherheitsgründen leider wieder abtransportiert.

Spielplatz_Osterholzstr.

Der Spielplatz an der Osterholzstraße und die benachbarte KITA existieren heute noch. Inzwischen stehen dort viele moderne Kletterhäuser und ein paar Spielgeräte. Sie wirken auf mich sehr steril und trotz der bunten Lackanstriche farblos wenn ich an die alte Dampflok meiner Kindheit denke. Bei meinem letzten Vorbeischauen, an einem sonnigen Vormittag im Herbst, habe ich dort kein Kind gesehen. Wo sind sie geblieben?

Spielplatz_Osterholslzstr.

Der Spielplatz in der Osterholzstraße 2009: An dieser Stelle im Sand stand die Lok, ganz im Hintergrund sieht man das Haus Eichwaldstraße 82, rechts ist ein Teil des KITA-Gebäudes zu sehen.

Autor: Erhard Schaeffer 2010

Bilder: Archiv E. Schaeffer Kassel, Oktober 2009

 

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Umfeld der Kita und des Spielplatzes Bettenhausen
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