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Der Messinghof -Wiege des Herkules

Zeit: 1650-1699 | Ort: Messinghof 
Aufnahme: K. Schiller, Kassel

Der Messinghof – die Wiege des Herkules

Der Messinghof wurde durch Landgraf Philipp den Großmütigen im Jahre 1560 in der ehemaligen Forstmühle eingerichtet. Die Gebäude sind auch heute noch teilweise erhalten und liegen zwischen der Leipziger Straße und dem Kleingartenverein Losse.

Seine Baulichkeiten waren die monumentalste Anlage im Bereich des Dorfes Bettenhausen. Verwaltungsrechtlich bildeten sie jedoch einen eigenen Bezirk, der nicht einfach in die Dorfschaft eingegliedert war. Noch klingt in der Architektur des Messinghofes etwas der alte Herrenhof an, besonders in dem Hauptgebäude mit seinem geschweiften Westgiebel und der Toranlage, die das hessische Wappen ziert. Und auch der einst südwärts vorbei geführte Mühlenkanal wirkte wie der Graben einer festen Talburg; man hatte bei der Betrachtung des Ganzen nicht das Gefühl, vor einer Industrieanlage zu stehen.Der alte Messinghof hatte noch viel von einer in die Landschaft hinein gestellten Hofanlage, von der Mühle im stillen Tale.

Der Messinghof hatte an anderer Stelle schon einen Vorgänger. Schon im Jahre 1527 legte Landgraf Philipp der Großmütige in Oberkaufungen eine Messinghütte an, um die Erträgnisse der Bilsteiner Kupfergruben im Höllentale, die seit dem Jahre 1493 in Betrieb waren, zu verwerten. Wie lange dieser Betrieb dauerte, ist nicht bekannt; es scheint aber, dass schon um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts diese Anlage näher an die Hauptstadt Kassel herangezogen wurde, denn um diese Zeit wurde die alte Forstmühle zum Rotgießen benutzt.

Aber erst als nach der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) die Kupfergruben zu Richelsdorf und Frankenberg größere Erträge lieferten, konnte man daran denken, ein neues Werk für die Verarbeitung dieser Erze zu gründen.

Dieses Werk wurde durch den Landgrafen Karl in den Jahren 1679/80 in dem heutigen Messinghofe ins Leben gerufen. Sämtliche Kupfergruben des Hessenlandes, gleichgültig, ob sie sich in landesherrlicher Hand oder in der von Gewerkschaften befanden, mussten ihre Erträgnisse zu einem festen Preise zwecks Weiterverarbeitung abliefern. Ein Verkauf der Rohprodukte außer Landes war nicht gestattet. Und wie bei Erbleiheverhältnissen im alten Rechte beim Tode des Landesherrn der neue Fürst einen neuen Lehnsbrief ausstellen musste, so erteilte auch Landgraf Friedrich I. erneut dem Messinghofe im Jahre 1741 das erwähnte Privilegium, das damit weiter in Kraft blieb. Das zur Herstellung des Messings benötigte Zink musste allerdings aus Schlesien bezogen werden; ein Schmelzwerk und eine Gießerei waren für die Herstellung des Messings besonders geschaffen worden.

Messinghof; Quergiebel 1697

Es gibt aus dem Jahre 1697 eine anschauliche Schilderung, von dem damaligen Zustande des jungen Werkes. Es wird geschrieben: „Bey gedachten Forst an der Lossa liegt der von Herrn Landgraf Carlen im Jahre 1680 neu erbaute Messinghof, ist ein räumlicher Platz mit ziemlichen Gebäuden umgeben, darin feine Logiamenter zur Lust und Verwahrung der Arbeit, maßen darin der Messingdraht, Galmei und anderen Mühlhämmern und Gebäuen, ingleichen zwen Kupfer-Hämmer mit deren Zubehör, daselbst allerhand Messing- und Kupfer-Waaren verfertiget, auch messinge Tigel und allerhand Gröppengut und Glocken gegossen werden.“

Der Betrieb war nicht immer, wie in späterer Zeit, landesherrlicher bzw. staatlicher (Regie=) Betrieb, er ist es allerdings noch im Jahre 1702 gewesen. In der Kabinettsrechnung jenes Jahres 1702 erscheint der fürstliche Messinghof- und Kupferhammerverwalter und führt einen Jahresüberschuss von 600 Reichstalern an die Kasse des Landgrafen ab. Später war der Messinghof vorübergehend verpachtet. Als Pächter (oder „Beständer“) tritt aus den Kabinettsrechnungen des Jahres 1716 der hannöversche Amtmann Diederich Johann Crauel entgegen. Er zahlte jährlich für den Messinghof eine Pacht von 800 Talern.
Von hier aus wurde auch das Material für die Herkulesstatue geliefert; einige der Zahlen darüber sollen hier Platz genannt werden: „Vom Pächter des Kupferhammers, dem Amtmann Crauel, wurden vom 25. April bis 11. Juli 1716 noch Vor. Ihr. Hochfürstl. Durchl. Carl Landgraf zu Heßen durch H. Johann Jacob Antoni abfolget an geschmiedetem Kupfer 16 Zentner 29 ¾ Pfund und 59 ½ Pfund Messing, zusammen für 552 Taler 27 Albus 1 2/3 Heller, dagegen lieferte Anthoni 7 Zentner 62 ¼ Pfund an altem und Abschnitzkupfer zurück, so dass 340 Taler 2 Albus und 8 4/9 Hlr. Verblieben. Vom 11. November 1715 bis zum 29. Juli 1716 lieferte Crauel an Anthoni zu der großen Statue 10 Zentner 96 5/8 Pfund Kupfer und Messing, wogegen dieser 8 Zentner und 89 3/8 Pfund an Abschnitzkupfer zurückgab, so dass Crauel noch 95 Taler 27 Albus 2 5/9 Hlr. gut blieben. Weitere Kupferlieferungen kommen seitdem (29. Juli 1716) nicht mehr vor“.

Hammerwerk im Messinghof

Die Herkulesfigur wurde in den Jahren 1714 – 1717 von dem Augsburger Goldschmied Anthoni über einem Holzmodel in Kupfer getrieben. Verschiedene fürstliche Werkstätten befanden sich zu jener Zeit im Graben des alten, 1811 abgebrannten Landgrafenschlosses an der Fulda. Möglicherweise hat der Goldschmied Anthoni dort in der Nähe des Fürstenhauses an dem Standbild gearbeitet, bevor es 1717 montiert werden konnte.

Herkuleskopf

Der Kopf der Statue mit gut erkennbaren Montagenähten.

 Foto Copyright: A. Kempken, Kassel

(Die Maße der Herkulesfigur können als .pdf - Datei am Ende des Textes eingesehen werden).

Schon spätestens in den vierziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts muss das Pachtsystem auf dem Messinghofe wieder aufgehoben sein. Während des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) der, die näher an Kassel heran liegenden Industriewerke in Flammen aufgehen ließ, blieb der Messinghof verschont. Außer seiner Entfernung von den Festungswerken der Stadt verdankte er seine Erhaltung einem Schutzbriefe.

Über den damaligen Betrieb des Werkes sind wir einigermaßen unterrichtet durch eine Beschreibung von Kassel. Hier wird gesagt: „Weiter unten (an der Losse) ist der von Herrn Landgraf Carl 1680 erbaute Messinghof, woselbst allerlei Draht, Kessel und andere nützliche Sachen verfertiget werden. Auch befindet sich in diesem Gebäude der Kupferhammer, ingleichen die Münze, welche nach dem Model eines Schweden angelegt worden ist. Mit dieser Maschine wird vermittelst etlicher Wellen, welche beide das hohe unterschlächtige Wasserrad treibet, in kurzer Zeit und mit leichter Mühe viele Arbeit verrichtet.“ (J. J. Winkelmann)

Ums Jahr 1830 erscheint der technische Betrieb des Werkes gegen den bisherigen Zustand erheblich verbessert. Damals hatte das Werk schon drei oberschlächtige breite Wasserräder, die in dieser Gestalt noch erhalten waren. Neben den Kupferhämmern bestand auch noch das Walzwerk. Und 1837 werden weitere vier Hämmer, die Schmelze und eine Kesselhütte – wohl zum Gusse von Messingkesseln – erwähnt. Als dann im Jahre 1866 der hessische Kurstaat unterging, war damit auch die Fortexistenz des Betriebes in staatlicher Hand erledigt.

So wie die Landesherrschaft Sozialpolitik im Stile ihrer Zeit trieb, z.B. durch den Bau von Arbeiterhäusern, so legte sie auch auf dem Messinghofe eine Kantine an, die ausschließlich nur an die Arbeiter des Werkes verkaufen durfte, um nicht das Privileg der damals Waltherschen Schankgerechtigkeit zu brechen. Das Privileg für die Wirtschaft des Messinghofes ist vom 9. November 1814 und galt für die Häuser Nr. 319 und 321, die sog. „Neuen Häuser“. Der Pächter war gezwungen seinen Branntwein zu 2 Albussen das Maß zu beziehen und durfte in seiner Wirtschaft weder Kegelbahn noch Stoßbahn oder Musik halten.

Der Übergang der staatlichen Werke an der Losse, soweit sie mit dem Messinghof verwaltungstechnisch verbunden waren, in private Hand erfolgte im Jahre 1869: die Firma Lieberg & Co. erwarb den Messinghof, den Kupferhammer und den Eisenhammer. Das Aussehen des Messinghofes, der auch in der Hand der genannten Firma der alten Industrie weiter diente, hat sich damit kaum verändert. Nur die Wasserräder sind durch eine Turbine und weiter durch Dampfkraft verstärkt worden, die Kraftübertragung erfolgt nun durch Elektromotoren. Der Betrieb erstreckte sich auf die Verarbeitung aller Metalle. In der Metallgießerei wird die Herstellung von Formguss aller Art für Maschinenbau und Eisenbahnen betrieben. Ferner wird Schlaglot gefertigt für Fahrrad- und Automobilindustrie, eine Zinnhütte befasst sich mit der Herstellung von Elektrolytzinn, ferner wird Lagermetall und Lötzinn hergestellt. Dass Kupferkessel und alle übrigen Kupferwaren dort gefertigt werden, ist selbstverständlich.

1938 wurde der Liebergsche Betrieb in der dritten Generation zwangsweise enteignet und „arisiert“. Nach dem Krieg wurde ein Entschädigungsverfahren in Gang gesetzt. Als Treuhänder wurde Albert Neumann eingesetzt, der bereits während der NS-Zeit Geschäftsführer dort war. Er kam zu dem Ergebnis, dass der Messinghof 1938 zu einem gerechten Preis verkauft worden sei. Im Vergleich wurde der Zusatz „weitere Entschädigung vorbehalten“ aufgenommen.

So ging im Jahre 1949 der Messinghof endgültig an das Hessische Metallwerk Imfeld & Co. über. 1975 meldete das Unternehmen Konkurs an.
An den Messinghof erinnert heute noch die Straße „Am Messinghof“ auf dem Lindenberg zwischen Kupferhammerstraße und dem Faustmühlenweg.

Editor: Bernd Schaeffer, 2009 

 

Quellenverzeichnis:

Horst Knoke: Die Mühlen an der Losse und am Losse-Mühlgraben, 1990, Hrsg, Arbeitskreis "Bettenhausen früher und heute", Agathof e. V.

Friedrich Nebelthau: Denkwürdigkeiten der Stadt Kassel. 1. Abschnitt. In: ZHG Ausgabe 12 (1869):

K.-P. Wieddekind: Der Messinghof mit den Firmen Lieberg & Co. und Metallwerke Imfeld & Co., 2008, Industriestandort Bettenhausen, Hrsg, Arbeitskreis "Bettenhausen früher und heute", Agathof e. V.

J. J. Winkelmann: Gründliche und wahrhafte Beschreibung der Fürstenthümer Hessen und Hersfeld. Bremen 1697

 

Dokumente zum Herunterladen:

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Maße des Herkules
[pdf-Datei; Gr��e 0.02 MB]
pdf
Kupferkesselherstellung im Messinghof (Ausschnitt)
[pdf-Datei; Gr��e 0.08 MB]
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