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Gaststätte „Insel Helgoland“

Foto: Archiv H. Schagrün, Niestetal

Die "Insel Helgoland", eine Traditionsgaststätte in Bettenhausen, erhielt ihren Namen wegen der besonderen Lage auf der Insel zwischen Losse und Mühlgraben. Der Graben ist inzwischen zugeschüttet und an die Insel erinnert heute nur noch der Inselweg. Die Gaststätte war während ihrem langen Bestehen einer der Mittelpunkte des Gemeindelebens. In ihr wurden z.B. der 'BC Sport' und der Sportvereine 'Kurhessen', der spätere 'KSV' , gegründet.

Die Bettenhäuser Wilgard Schiller, August Leinweber und Uschi Knoke trafen sich viele Jahre  in dem Geschichtskreis "Bettenhausen früher und heute". Sie erinnern sich hier mit ganz persönlichen Schilderungen an die ersten sechs Jahrzehnte der Gaststätte bis 1958.

Wilgard Schiller berichtet: „Der älteste über "Schank- und Herbergierungsgerechtigkeit zu Bettenhausen" vorliegende Erbleihebrief datiert vom 4. November 1689. Wer außer dem Inhaber des Erbleihebriefes einen Ausschank haben wollte, konnte das nur durch einen Untervertrag mit jenem erreichen“.„Da gab es die wiederholten Versuche des Schreinermeisters Jakob Zuschlag, eine Schankgenehmigung zu erhalten. Als er 1891 unter Einsatz seines Lebens ein Kind aus der Hochwasser führenden Losse gerettet hatte und dafür ausgezeichnet werden sollte, verzichtete er auf die Rettungsmedaille und erbat sich dafür die Konzession für eine Gastwirtschaft, die er dann "Insel Helgoland" nannte. Er hatte einen Sohn, Heinrich Zuschlag, und zwei Töchter. Seine Tochter Lina heiratete später Albert Leinweber und führte mit ihm die Gaststätte weiter."

Gaststätte Insel Helgoland 1925

Gaststätte Insel Helgoland, 1925
Foto: Sammlung Rolf Lang

Als in den 1890er Jahren das Fußballspiel von England herüber kam, wurde 1894 der 1. Casseler Ballspielclub "BC Sport" in der Gaststätte "Insel Helgoland" aus der Taufe gehoben und ein Jahr später der "Sportverein Kurhessen", der spätere "KSV", gegründet.

Anzeige Insel Helgoland 1935
Anzeige Kurhessische Landeszeitung 1935

August Leinweber, der Sohn der Gastwirtsleute Lina und Albert Leinweber, erinnert sich, dass es einen Sportplatz damals noch nicht gab. Die Fussballer traten demnach auf dem Forst gegeneinander an, damals ein militärisches Übungsgelände zwischen Bettenhausen und Waldau. Sie mussten, berichtet Leinweber, ihre Torlatten und Eckfahnen dorthin schleppen, nach dem Spiel wieder abbauen und zur „Insel“ zurückbringen. Egal ob Sieg oder Niederlage, anschließend wurde gefeiert. „Mit nem Mußtenwecke (Mettbrötchen) für 15 Pfennig oder ner Portion Schmandhering mit Pellmännern (Pellkartoffeln), oder Sulperknochen (gekochtes Pökelfleisch) mit suren Kohl und Salzkartuffeln für 60 Pfennige wurde sich dann gestärkt.“

„Der alte Brauch wird nicht gebrochen - Familien können Kaffee kochen. Wo dies geschrieben stand, so erzählt Wilgard Schiller, da wurde mitgebrachter Kaffee aufgebrüht und für die leeren Tassen, Milch und Zucker ein paar Pfennige berechnet. Am Abend wurden mitgebrachte Stullen verzehrt. „Der Wirt lieferte dazu Messer, Brettchen und die Menage“, ergänzt Schiller. „Als besondere Attraktion hatte der Inselwirt einen Kahn angeschafft, mit dem man für 10 Pfennige auf der Losse fahren konnte. Hiervon machten die Gäste regen Gebrauch. Bei dem Feuersturm in der Kasseler Altstadt am 22. Oktober 1943 kamen das Gastwirt-Ehepaar, Lina und Albert Leinweber ums Leben". Die „Insel Helgoland“ wurde in dieser Bombennacht vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde sie aber wieder aufgebaut und erlebte noch so manche Feier, vor allem Hochzeiten und andere große Familienfeiern.

Insel Helgoland 1938

Feier der Goldenen Hochzeit der Familie Kugler Ende der 30er Jahre in der "Insel Helgoland" Archiv: Geschichtskreis Bettenhausen

Uschi Knoke erzählt aus ihrer Erinnerung: „Es war im Jahr 1958. Wir wohnten am Dorfplatz in einem alten Bauernhaus. Eine Steintreppe führte in das Haus, unter der ging es hinab in den Keller. Es war ein schönes Wohnen. Man hörte die Losse rauschen und die Glocken der nahen Kirche läuten. Hundert Schritte entfernt war die Gaststätte „Insel Helgoland“ und wir waren dort zu einer Silberhochzeitsfeier eingeladen. Die Feier war wunderschön, nur das Wetter spielte nicht mit. Der Wirt August Leinweber war aufgeregt und lief ständig raus und rein. Als ich ihn fragte, was denn los sei, antwortete er: „Wir haben Hochwasser! Ich muss schnell alles aus dem Keller holen“. Hochwasser! Ich ging erschrocken in den Saal zurück und rief der feiernden Gesellschaft zu: „Wir haben Hochwasser!" Sofort rannten alle Gäste von der Insel Helgoland zum Dorfplatz und zu dem Haus Kirchgasse 8. Tatsächlich, das Wasser stand auf dem Dorfplatz, doch es hatte vor unserem Keller haltgemacht. Glück gehabt! Den Dorfplatz als See mit schwimmenden Enten darauf, das hat man, so glaube ich, später nie wieder erlebt."

Dorfplatz, Hochwasser 1958 sw

Der Dorfplatz stand bei Hochwasser immer wieder unter Wasser und wie auf diesem Bild sieht man im Hintergrund die Gaststätte Insel-Helgoland, die von den Wasserflächen eingeschlossen ist. Zu diesem Zeitpunkt war der Wirt buchstäblich ein "Inselwirt". Laut Erika Helbinge sieht man auf dem Bild das sogenannte Pfingst-Hochwasser vom 07. Juni 1940. Es entstand durch wolkenbruchartigen Regen in Sandershausen, Heiligenrode und Bettenhausen. Foto: Gisela Herwig, geb. Bischoff und Ernst Herwig

 

Editor: Erhard Schaeffer, 2009

 

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Grußkarte von der Insel Helgoland von 1901
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