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Gründung, Belegung und Kosten des Landkrankenhauses "Charité"

Seite 104 des Originalartikels

Die Charité bei Bettenhausen wurde 1785 durch Landgraf Friedrich II gestiftet. Ursprünglich wurden nur bedürftige Personen unentgeltlich aufgenommen, später auch sonstige für geringes Entgelt und Militärkranke auf Kosten des Staates. Das wird in einer Monatszeitung (eine Art Amtsblatt) von 1812 geschrieben. Danach werden die Belegungen, Mitarbeiter und Kosten in den Jahre 1807 bis 1810 mitgeteilt.  Dieser Artikel soll im Folgenden im Original wiedergegeben werden.

 

„Uebersicht der in den Jahren 1807, 1809 und 1810 in der Charité bei Cassel aufgenommenen Kranken

Die Charité, dieses größte aller westphälischen Krankenhäuser, ist im Jahre 1785 durch den um Cassel so verdienten Landgrafen Friedrich gestiftet. Seiner ursprünglichen Bestimmung nach sollten darin bloß dürftige Personen vom Zivilstande, die an schweren Krankheit, sobald sie nur nicht chronisch oder unheilbar waren, oder an harten Verwundungen und gefährlichen Gliederverletzungen litten, unentgeltlich aufgenommen und hergestellt werden. Das Militär war ganz ausgeschlossen, in der Folge ließ man jedoch auch andere Personen, als Handwerksbursche, Gesinde etc. gegen leidliche Zahlung zu, und im Jahre 1808 wurde das Militärlazareth damit verbunden. Die Charité  dient mithin jetzt sowohl für das Militär als Zivil; doch geschieht diese Verpflegung der Militärkranken auf Kosten der Kriegskasse.

Charite du Ry
Charité Entwurfsskizze 18. Jahrhundert

Das Gebäude der Charité hat eine gesunde, nach allen Seiten hin freie und offne Lage außerhalb der Leipziger Vorstadt in der großen Ebene, die sich von da nach Bettenhausen zieht, und wird gegenwärtig durch eine Mauer, um jede äußere Verbindung abzuschneiden, umgeben. Es ist die einzige milde Stiftung zu Cassel, die nicht unter der Wohlthätigkeitscommission steht, sondern unter Oberaufsicht der Präfektur einer eigenen Administrazion von 5 Mitgliedern unterworfen ist, wovon Eins die Stelle eines Direktor Administrator mit einem Gehalte von 3000 Franken versieht. Die Rezptionsscheine werden von der Administrazion ertheilt. (Unten: Bild von 1882)

Charite 1882

Das Haus hat seine eigne Offizin  [Apotheke], und enthielt sonst 500 Betten, die jedoch in neuern Zeiten ansehnlich vermehrt sind, so wie auch mehrere Apartements für Kranke vorgerichtet und die venerischen Kranken [Geschlechtskranke] von den übrigen abgesondert sind. Ueberhaupt ist die Einrichtung musterhaft, und in Hinsicht der Reinlichkeit darf das Haus sicher sich den berühmten Spitälern zu Wien und Würzburg an die Seite stellen. Es ist ein zahlreiches Personal bei demselben angestellt. Dahin gehören: 1 Direktor Administrator, 1 Ober- und 1 Unterarzt, 1 Oberwund- und 3 Unterwundärzte, 1 Ober- und 2 Unterapotheker mit 2 Burschen, 1 Oekonom, 1 Sekretär, 1 Commis [kaufmännischer Angestellter], 1 Kopist, 2 Oberaufseher, Bauaufseher, 1 Depensier [Verantwortlicher für die Ausgaben], 1 Koch, 1 Waschefrau, 1 Pförtner, 1 Todtengräber, 1 Schornsteinfeger, 1 Küchenmagd, 2 Ober- und 13 Unterkrankenwärter und 1 Holzhauer. Die Besoldungen betrugen im Dezember 1811: 30674 Franken 16 Centimen, deren Bezahlung der Staatsschatz übernommen hat, so wie auch die Bauten und viele andere unvorhergesehene Ausgaben von demselben gedeckt werden. Uebrigens hat das Haus noch bestimmten eigenthümliche Einkünfte, 1808: 32072 Franken 99 Centimen, wovon jedoch ein Theil weggefallen ist.

Wie sehr der Umfang dieses für die Residenz so wohlthätigen Instituts zugenommen hat, erhellt aus den nachstehenden Krankenlisten.

1807 waren  in der Charité aufgenommen überhaupt 484 Kranke. Davon genasen 344, es starben 63 und blieben auf das Jahr 1808. 77.

1809 wurden aufgenommen 3970 Kranke, worunter 2832 Fieberkranke, 527 Verwundete und 611 Venerische. Davon genasen 3459, nämlich 2481 Fieberkranke, 425 Blessirte und 1 Venerischer, und blieben zurück 271,  nämlich 136 Fieberkranke, 78 Blessierte und 57 Venerische.

1810 erhielten die Aufnahme 3665, worunter 2611 Fieberkranke, 550 Blessierte und 504 Venerische. Davon genasen 3238, nämlich 2329 Fieberkranke, 483 Verwundete und 426 Venerische; es starben 143, worunter 138 Fieberkranke, 4 Blessirte und 1 Venerischer. Auf das Jahr 1811 blieben 284, nämlich 144 Fieberkranke, 63 Blessirte und 77 Venerische."

Redaktion: Falk Urlen (2018)

Literatur:

  • Monatszeitschrift, Westfalen unter Hieronymus Napoleon, Januar 1812, SS 104 ff

 

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