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Siedlergemeinschaft Lindenberg 1 - die Entstehung

Siedlungsgebiet Lindenberg, Luftaufnahme Junkers 1928

Die Siedlung Lindenberg I wurde 1933 geplant und 1934/36 fertiggestellt. Sie war als Heimat für kinderreiche Familien aus der Kasseler Innenstadt vorgesehen. Die Bewerber mussten siedlungswillig und siedlungs fähig sein. Nicht alle Siedlerstellen konnten kurzfristig vergeben werden, so bekamen dann auch nicht kinderreiche Familien eine Chance, sich zu bewerben. Der langjährige Vorsitzende, Erich Bing (Foto unten rechts), beschreibt in seiner Chronik u. a. die ersten Jahre. Die gesamte Chronik kann heruntergeladen werden.

Im Herbst 1933 erfolgte ein Aufruf des damaligen Ministerialdirektors Tomala an kinderreiche Familien unserer Stadt zum „Siedeln“ auf dem Lindenberg, um aus der  Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit herauszukommen und auf eigener Scholle mit Nebenerwerb aus Obst und Gemüseanbau, sowie Kleintierhaltung den Familienunterhalt zu sichern.

Es waren zunächst 50 Siedlerstellen mit einer Grundstücksgröße von je ca. 1000 qm vorgesehen. Die Grundstücke wurden nach dem Reichsheimstättengesetz ausgegeben und von der Hessischen Heimstätte, die an der Verwirklichung des Vorhabens tatkräftig mitarbeitete, verwaltet.

altsiedler RandZunächst fanden sich nicht die erhofften 50 kinderreichen Familien, so dass auch andere Familien bei Vergabe der Plätze zum Zug kamen. Nach den damaligen Richtlinien mussten die Bewerber vor der Kommission unter anderem weiter folgende Voraussetzungen erfüllen:

Eignung des Mannes: Arbeitswilligkeit, Bescheidenheit, Verträglichkeit und Befähigung zu den für die Siedlerstelle wichtigen Arbeiten.

Die Frau musste die Fähigkeit besitzen, einen Haushalt ordentlich zu führen und vor allem musste sie Mut und Liebe zum Siedeln haben.

Erhebliche Schwierigkeiten sah man schon bei der Besichtigung und Vergabe der Grundstücke auf sich zukommen, da auf dem sehr steinigen Gelände mit vielen Sandsteinplatten nur wenig Mutterboden vorhanden  war, der später fuderweise herangekarrt werden musste. „Steinreich“ fand sich mancher auf der eigenen Scholle wieder.

Altsiedler

Am 08. Januar 1934  erscheint in der damaligen Kasseler Post ein mit dem Titel „Spaziergang rund um Kassel  - Die Kleinen Berge sind schön zur Winterzeit“. Darin wird der Lindenberg wie folgt beschrieben:

„Vom Eichwald schreiten wir am Fischhaus , wo in früheren Zeiten manches Schöppchen Wein getrunken ward und am Eisenhammer, der heutigen Rocholschen Stockfabrik vorbei, dem Lindenberg zu, der nicht etwa, wie böse Zungen behaupten, nach dem Fichtenwäldchen benannt ist, das den Nordrand des Berges und die Gärten des Krankenhauses Lindenberg säumt, sondern wohl nach den wunderschönen Linden, die noch vereinzelt im Felde stehen, hoffentlich geschützt vor dem Abbau der sich an vielen ihrer Brüder vergriffen hat.

Des Lindenbergs Eigenart ist sein Losgelöstsein von der Stadt. Das ganze grüne Meer des Forstes breitet sich dazwischen aus. Wenn auch der Westhang jetzt erheblich bebaut ist - hier führt nicht die Stadt das erste Wort, sondern die Saatenflur und vor allem das Gebirge. Hier ist die Pforte zu den Waldbergen, hier ist´s an klaren Tagen, als ließe sich der dunkle Waldmantel der Söhre, als ließen sich die prächtigen Bergwiesen am Belgerkopf mit der Hand greifen.

Ein schöner Abstieg ist‘s durch die Heidenkopfstraße und durch die Erlenfeldsiedlung , von deren Bauweise, aber auch von deren Siedlern der besinnliche Mensch lernen kann, was mit Schlichtheit, Lebensweisheit und Gemeinsinn zusammenhängt.“

Am 05. Mai 1934  beginnen die Bauarbeiten für den ersten Bauabschnitt Eschenweg-Kastanienweg-Birkenweg durch die Firma Hagen Randund Schaub. aber auch gleichzeitig unter eigener Mitarbeit und Eigen- wie Nachbarschaftshilfe.

Am 1. Oktober 1934 waren die ersten Siedlerhäuser fertig gestellt und konnten bezogen werden. 1. Vorsitzender der Gemeinschaft wurde Karl Fiegand.

1936 wurde durch die Hessische Heimstätte der 2. Bauabschnitt in der Eisenhammerstraße, Ahornweg und Eibenweg erstellt.

Um die Baukosten niedrig zu halten, mussten die Siedler die Planierungsarbeiten selbst durchführen. Das Holz für die notwendigen Umzäunungen wurde zum großen Teil von den Siedlern selbst in der Söhre geschlagen. Dann ging es an die Pflanzung von Obstbäumen, von denen noch heute einige stehen, an Beerensträucher und Herrichtung des Grabelandes.

Altsiedler

Nach Überlieferungen wurden in den damaligen Jahren auf dem Gebiet der ehemaligen Kernsiedlung 67 Schweine, 38 Ziegen bzw. Milchschafe, nahezu 300 Kaninchen und ungezähltes Federvieh gehalten.

Welche Bedeutung der Mitarbeit der Frauen in dieser Zeit zukam - da die Männer ihrem Beruf mit 10 und 12 Stunden Arbeitstag nachgehen mussten - wird gerade an Hand dieser Zahlen mehr als deutlich unterstrichen.

Mehldörfchen RandWegen der einheitlichen Bauweise und vor allem der einheitlich kalkweißen Fassaden wurde die Siedlung damals spöttisch als „ Mehldörfchen“ bezeichnet und ist unter diesem Namen auch heute noch bei der älteren Generation in Forstfeld und in Bettenhausen bekannt.

In den Kriegsjahren blieb die Siedlung von Kriegsereignissen nicht verschont. Nach Aufzeichnungen des Chronisten Kurt Klehm erfolgten vom Juli 1940 bis Dezember 1944 mehrere Luftangriffe auf das Gebiet von Bettenhausen. Bekannt ist, dass im Siedlungsgebiet Lindenberg bei Bombenangriffen auf die Stadt Kassel auch hier einige Häuser von Brandbomben getroffen wurden. Der Schaden konnte in Selbst- und Nachbarschaftshilfe in Grenzen gehalten werden. Einer der wenigen Zeitzeugen von damals ist Sfr.  Hans Karl Jacob. Er lag Anfang 1945 als Verwundeter im Kriegslazarett am Lindenberg.

Er berichtet, dass  er sich trotz seiner Verwundung sofort nach einem weiteren Luftangriff in das RandSiedlungsgebiet begeben hat. Aus dem Eckhaus Kastanienweg / Eisenhammerstraße rief Frau Pieczonka um Hilfe, weil der Dachstuhl nach einem Brandbombentreffer brannte. Den Brand konnte er mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln löschen, sodass das Haus gerettet wurde. Er erinnert sich auch heute noch, dass Sohn Walter seinerzeit zur Kinderlandverschickung weg war.

Zu gleichen Zeit hatte es auch im Haus der Eheleute Siebert -Schwiegereltern vom Zahnarzt Gustav Runte - im Ahornweg -eingeschlagen. Dort half der Vater von Hans Karl Jacob beim Löschen. Allerdings stand das ganze Treppenhaus in Flammen und musste dann neu hergerichtet werden.

Im Eschenweg 13 wurde von der damaligen Siedlerfamilie Becker ein massiver Luftschutzbunker hinter dem Haus gebaut, den man  auch heute noch bei Sfr. (Siedlerfreund) Faupel sehen kann.

Autor: Erich Bing, Chronik der Siedlergemeinschaft Lindenberg I, 2002

Die gesamte Chronik und Ausschnitte aus dem Fotoalbum der Siedlergemeinschaft finden Sie als Anlage unten.

Redaktion: Falk Urlen, 2018

Fotos: Sammlung Urlen

 

Dokumente zum Herunterladen:

pdf
Chronik der SG Lindenberg I
[pdf-Datei; Gr��e 0.36 MB]
pdf
Fotoalbum Lindenberg 1
[pdf-Datei; Gr��e 15.17 MB]
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